Scrum Master vs. Agile Coach

von | Dez 19, 2019 | Agilität /Projektmanagement

Was ist eigentlich ein Agile Coach?

Kürzlich habe ich einen sehr interessanten V-Blogartikel von meinem sehr geschätzten Kollegen Boris Glogger gesehen. Er hat in diesem empfehlenswerten Video ein Thema angesprochen, dass mir auch in vielen Gesprächen aufgefallen ist.
Es geht in seinem Video um seinen Eindruck, dass der Scrum Master immer weiter zu einem „Projektassistenten“ verkommt und der „Agile Coach“ immer mehr die Rolle des Scrum Masters übernimmt. Das sei der eigentlichen Rolle des Scrum Masters nicht würdig. Recht hat er der Kollege, allerdings geht er in seinem Artikel auch mit den Agile Coaches hart ins Gericht und da möchte ich ein besseres Bild auf den Berufsstand werfen, denn der seriöse Agile Coach ist kein Scharlatan sondern kann ein wichtiger Begleiter bei der Transformation eines Unternehmens in Richtung Agilität und Selbstorganisation sein. Überhaupt frage ich mich, warum man überhaupt das _AGILE_vor dem Coach benötigt. Ist es doch für den Coaching Prozess vollkommen egal ob dieses im Zusammenhang mit Agilität steht.

Agile Methoden vs. Agiles Mindset

Ich beobachte, dass oftmals bezüglich Agilität zwei grundlegende Themen Bereiche vermischt werden. Zum einen haben wir die *Agilen Methoden* wie Scrum, Kanban oder Design Thinking, bei denen Teams Anhand von bestimmten Werten, Rollen und Artifakten einen Rahmen und ein Werkzeug an die Hand gegeben gibt. Diese Werkzeuge sind richtig und wichtig. Sie geben dem Team einen einfachen Orientierungsrahmen und ein Mindestmaß an Regeln. Dies sind zweifellos wichtige und richtige Ansätze um die Arbeit in einer flachen Hierarchie zu festigen und ein gemeinsames Verständnis für Kooperation zu festigen.

Was jedoch oftmals vergessen wird und da kommt auch der Agile Coach ins Spiel ist das Mindset. Im agilen Kontext wird ein hohes Maß an Teamkooperation, Kommunikationsfähigkeit und Selbstorganisation gefordert. Dafür ist ein hohes Maß an persönlicher Reife und sozialer Kompetenz notwendig. Das sind Eigenschaften und Fähigkeiten, die uns allen nicht in die Wiege gelegt werden. Auch in unserem Schulsystem werden diese Kooperationsfähigkeiten nur selten herausgearbeitet.

Junge Mitarbeiter haben oftmals nicht das Verständnis für wirkliche Kooperation und ältere Mitarbeiter sind in einer Zeit beruflich gereift, in der Selbstorganisation kein Thema war. Treffen dazu beide Generationen aufeinander, dann sind Konflikte und Probleme vorprogrammiert. Es fehlt also an dem richtigen Mindset.

Das Agile Mindset drückt sich in persönlichen und sozialen Kompetenzen aus, die wir alle so nicht gelernt haben. Die systemischen Prozesse dahinter sind für einen Scrum Master in den seltensten Fällen in Gänze zu erfassen. Das soll nicht die Qualität eines Scrum Masters schmälern oder herabsetzen, aber jede Rolle hat seine Berechtigung.

Agiles Mindset beginnt bei der Unternehmensführung, setzt sich über alle Ebenen des Managements fort und mündet schließlich bei den operativen Teams. Daher muss der Agile Coach den gesamten Unternehmenskontext beachten. Zwar ist es unbestritten, dass Agile Methoden in der Software Entwicklung wie Scrum eine höhere Erfolgsquote bringen können (manche Studien gehen von 30% aus), jedoch gibt es wie immer auch die andere Seite der Medaille, die von einer großen Anzahl von gescheiterten Agilitäts Initiativen sprechen. Am Ende dieser gescheiterten Versuche kommt dann meist die Aussage, „Scrum funktioniert bei uns nicht!“. Ein weiterer Aspekt ist, dass Agile Methoden meist automatisch der Software Entwicklung zugesprochen wird. Der Agile Ansatz geht mit New Work Initiativen aber weit darüber hinaus.

Der Agile Coach als Begleiter des Teams

Der Coach an sich sollte grundsätzlich nur ein temporärer Begleiter sein, der ein Team auf Augenhöhe unterstützt die großen Herausforderungen auf dem Weg zur Agilität zu meistern. Anders wie beim Kollegen Glogger beschrieben ist ein Agiler Coach nicht dem Scrum Master „überstellt“. Allein eine solche Darstellung würde dem Gedanken der Agilität widersprechen. Der Agile Coach arbeitet nicht im Tagesgeschäft an konkreten Projekten, er begleitet das Team ganzheitlich auf einer Art Metaebene und arbeitet eben am agilen Mindset der Mitarbeiter im Unternehmen. Er ist nicht verantwortlich für den Erfolg eines Projektes sondern für die Entwicklung der Mitarbeiter im Sinne der agilen Werte und des Mindsets. Während der Scrum Master die Prozesse innerhalb eines Projektes steuert und das Team managed, ist der Agile Coach für den Prozess zu einer agilen Denkweise verantwortlich.
Damit sichert der Agile Coach den langfristigen Erfolg des Changes hin zu einem Agilen Unternehmen.

Der Agile Coach als Sparringspartner des Scrum Masters

Insbesondere frisch ausgebildete Scrum Master sind mit der Praxis des Projekt Geschäftes heillos überfordert. Meist erkennen sie mangels fehlenden systemischen Verständnisses die tieferliegenden Probleme bei der Einführung von agilen Methoden nicht oder viel zu spät. Hier kann der Agile Coach als Sparringspartner und Supervisor eine wertvolle Rolle bei der nachhaltigen Entwicklung des Scrum Masters spielen. In vielen Scrum Ausbildungen wird nicht oder nur am Rande auf systemische Prozesse eingegangen. Der seriöse Coach (ja ich weiß es gibt auch hier schwarze Schafe) hat eine Ausbildung mit psychologischem Hintergrund bzw. eine Ausbildung mit Schwerpunkt auf systemische Prozesse und Grundhaltungen genossen. Ein Agile Coach muss kein guter Scrum Master sein. Er muss nicht mal Scrum Master sein, er sollte das Prinzip der agilen Zusammenarbeit kennen aber tiefere Praxiserfahrung ist oftmals für das Coaching eher hinderlich als wertvoll. Der Coach soll begleiten und nicht beraten, er soll seinen Fokus auf eine ganz andere Ebene legen, nämlich die Ebene der Kooperation im Team und vom Team zum Management.

Der Agile Coach als Unterstützer des Managements

Im Zusammenhang mit Agilität wird oftmals das Team fokussiert. Viele Transformationen hin zu einem agilen Unternehmen scheitern oftmals nicht an der Bereitschaft der Teams, sondern am Management. Hier kann ich drei wesentliche Ursachen beobachten.

Fehlendes oder unzureichendes Leitbild

Ein agiles Unternehmen braucht ein stabiles Leitbild aus Mission, Vision und Werten. Eines der wichtigsten Grundbedürfnisse in Bezug auf Führung ist Sicherheit. Diese Sicherheit wird den Teams sprichwörtlich unter dem Hintern weggezogen, wenn es sich zukünftig im Rahmen eines agilen Unternehmens selbst organisieren soll. Nur mit einem starken Unternehmensleitbild schafft man einen Rahmen in dem sich die Mitarbeiter in selbstorganisierten Team sicher fühlen können.

Neues Führungsverständnis

Durch agile Initiativen wird ein neues Führungsverständnis notwendig, welches auf Vertrauen und Befähigung setzt. Dies ist in den meisten Unternehmen die auf Kontrolle und fest eingefahrene Prozesse setzen eine Revolution. Das Management zieht sich als Kontrollinstanz aus dem Tagesgeschäft zurück und begibt sich sprichwörtlich an den Spielfeldrand in die „Coaching-Zone“. Der Scrum Master wird zum Ansprechpartner der Stakeholder und der direkte Einfluss seitens des Managements im operativen Geschäft wird geschmälert. Dieses neue Führungsverständnis gilt es individuell herauszuarbeiten. Eine Aufgabe die nicht ein Scrum Master übernehmen kann.

Machtverlust und Hierarchie Abbau

Der zuletzt angesprochene Aspekt führt zu einem der größten Probleme in hierarchisch geführten Unternehmen. Die Agilitätsinitiative bzw. New Work Initiative geht von flachen Hierarchien aus. Im Team sind alle Mitglieder auf gleicher Ebene und es sollte ein möglichst direkter Draht zum Management bestehen. Die Teams arbeiten interdisziplinär zusammen und ganze Abteilungen vermischen sich. In vielen Unternehmen wird dadurch die hierarchische Teamleitungs- und Abteilungsleiter Ebene obsolet. Die Aufgaben der Kontrolle und Steuerung der Arbeit entfällt in einer teamorientierten und agilen Organisation.

Die Manager der unteren und mittleren Ebene verlieren damit nicht nur die Grundlage für ihre Arbeit sondern auch Macht und Einfluss der über Jahre erarbeitet wurde. Da wird der Abteilungsleiter zum Scrum Master bzw. Product Owner und soll nun mit dem Team zusammen auf Augenhöhe kooperieren. Kaum vorstellbar, dass dies ohne Konflikte vonstatten gehen soll.

Der agile Coach arbeitet mit dem Management zusammen an einem neuen Führungsverständnis und begleitet dabei die Transformation im Management.

Das Problem mit dem agilen Coach

Da die Berufsbezeichnung Coach nicht geschützt ist bezeichnen sich viele Berater als Coach um sich selbst wertiger darzustellen. Das ist in allen Bereichen des Coachings so. Einen seriösen Coach erkennet man daran, dass er eine entsprechende Ausbildung mit psychologischem oder systemischen Hintergrund absolviert hat. Das lässt zwar noch keine Rückschlüsse auf die Qualität des Coaches zu, gibt aber zumindest einen ersten Anhaltspunkt auf den Background. Ein seriöser Coach lässt sich nicht in das Tagesgeschäft im Projektbereich einspannen. Er sollte immer die Rolle des „externen“ Beobachter haben. Idealerweise ist es tatsächlich ein externer Coach der unvoreingenommen auf das Organisationssystem blicken kann.

Fazit: Der agile Coach ist in jeder Hinsicht sinnvoll im Rahmen der Transformation

Natürlich breche ich nun eine Lanze für meinen Berufsstand der Coaches. Seriös aufgestellt, wird der Agile Coach eine wichtige Rolle bei der Transformation hin zu einem agilen Unternehmen spielen. Dabei ist seine Rolle die systemischen Prozesse im Auge zu behalten. Er ist Mentor, Sparringspartner und Begleiter in diesem revolutionären Prozess. Ein guter Agile Coach hat jedoch nur sehr indirekt Einfluss auf konkrete Projekte. Hier liegt die Stärke in der Rolle des Scrum Masters (oder wie auch immer man diese Rolle nennen mag). Der Agile Coach sollte nur temporär oder punktuell in einem Unternehmen wirken, sonst besteht in der Tat, dass eine gewisse Abhängigkeit entsteht und der Scrum Master in den Hintergrund rückt. Der Agile Coach ist kein Konkurrent des Scrum Masters sondern sein wichtigster Partner bei der Implementierung eines agilen Teams. Er begegnet dem Scrum Master auf Augenhöhe und wertschätzend. Dies ist zumindest mein Verständnis von einem Agilen Coach.

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

15 − eins =

Share This