Stop-Breathe-Think-Act

Die Überlebensstrategie der Taucher in der Krise

 

Die letzten Wochen stellen viele Unternehmer und Selbständige vor eine große Herausforderung – die eigene Existenz gefährlich nah vor dem Ruin; alles, was man sich über Jahre aufgebaut hat, droht eine einzige Krise zunichte zu machen.

Auch ich hatte als selbständiger Business Coach in den letzten Wochen meine Hochs und Tiefs, die ich durchlaufen habe.

Im Januar 2020 war es für mich endlich soweit: ich meldete mein eigenes Gewerbe als selbständiger Coach & Berater an. Voller Zuversicht und Enthusiasmus bereitete ich mein Geschäft vor und freute mich über erste Aufträge. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich nicht ahnen, dass sich ausgehend von China eine Pandemie über unsere Welt ausbreiten wird, die meine Existenz in eine gefühlte Krise stürzen lässt. Ja, auch ich hatte in den ersten Wochen dieser Pandemie durchaus schlaflose Nächte, in denen ich zweifelte. Ich zweifelte an meiner Entscheidung, meinen Job als Geschäftsführer für meinen Lebenstraum der Selbstständigkeit aufgegeben zu haben. Ich zweifelte daran, dass sich mein Business entwickeln wird und ich zweifelte vor allem an mir und meinen Fähigkeiten.

Mitten in diesen Zweifeln jedoch erinnerte ich mich an meine Ressourcen als Taucher. Wie jeder von uns tragen wir wertvolle Ressourcen in uns, die vielleicht in einem anderen Kontext zu einer Lösung geführt haben. Bei mir ist es die Ausbildung zum Divemaster und über 400 Tauchgänge, in denen es auch an der einen oder anderen Stelle zu akuten Krisensituationen gekommen ist.

In meiner Ausbildung zum Divemaster (eine Art Coach für Taucher) habe ich eine Formel zur Krisenintervention auf den Weg mitbekommen, die sich auch im Alltag immer wieder bewährt hat:

 

Als Taucher bewegt man sich in einer lebensfeindlichen Umgebung. In einer solchen Umgebung kann es zu ernsten Problemen kommen und die Entscheidung über den Umgang mit dieser Situation kann den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen. Wenn unter Wasser Probleme aufkommen, dann entsteht Stress und dieser Stress kann leicht zur Panik führen, also in eine akute Krisensituation. Unter Stress handeln wir nicht mehr rational, wir schalten auf den Autopiloten um. Unser Körper wird in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt, um das Überleben zu sichern. Das langsamere Großhirn wird ausgeschaltet und der Körper sucht nach Erfahrungen in der Vergangenheit, die zur Lösung unseres Problems dienlich sein könnten. Das können trainierte Fertigkeiten sein, die wir für solche Situationen immer wieder durchlebt haben. Unsere Reaktionen werden dadurch instinktiv und schneller.

Was aber, wenn es keine Fähigkeiten gibt, die eine Lösung für das aktuelle Problemmuster versprechen?  Für diesen Fall hat uns die Natur zwei Notfallprogramme in die Wiege gelegt:

  1. Flucht – wir verweigern die Auseinandersetzung mit dem Problem und ziehen uns zurück
  2. Angriff – wir versuchen mit aller Macht das Symptom zu bekämpfen

Letzteres kostet viel Energie und ist mit Risiken verbunden. Unter Stress kann der Körper viele Energieressourcen zur Verfügung stellen. Allerdings nur über einen kurzen Zeitraum. Zusätzlich zum Problem kommt dann noch ein Zustand der Erschöpfung.

Was uns zu Zeiten als Jäger und Sammler vielleicht das Leben gerettet hat, kann uns heute in Zeiten einer Krise das wirtschaftliche Überleben kosten. Denn heutzutage ist in Krisensituationen besonnenes und überlegtes Denken und Handeln notwendig. Wenn aus Stress Panik wird, reden wir von einer akuten Krise. Panik erleben wir in bedrohlichen Situationen. Sie ist eine tatsächliche oder angenommene Bedrohung für unser Leben. In diesen Situationen schaltet unser Körper auf den Überlebensmodus und veranlasst uns zu Reaktionen, die wir selbst nicht mehr kontrollieren können. Unter Wasser kann das tödlich sein.

Aus diesem einfachen Leitsatz können wir Unternehmer in unserem Alltag unheimlich viel mitnehmen. Denn allzu schnell verfallen wir in blinden Aktionismus und versuchen hektisch das Schlimmste zu vermeiden. Daher lohnt es sich, einen Gedanken auf den Taucherleitsatz zu lenken. 

Stop 

Eine Krise fordert uns auf vollkommen neue Art und Weise. Alte Denk- und Handlungsmuster greifen nicht mehr. Unser Gehirn ist mit der Komplexität der Herausforderung überfordert. In dieser Situation lohnt es sich bewusst kurz innezuhalten. Anstatt hektisch zu „strampeln“ sollte man genau das Gegenteil machen und für einen kurzen Moment jegliche Aktion herunterfahren. Wir reden nicht von Tagen oder Wochen, sondern von wenigen Stunden. 

Ich habe mich tatsächlich für ein Wochenende zurückgezogen und habe mir bewusst eine Auszeit genommen, um über meine Lage nachzudenken.

Durchatmen

Wichtig ist es in einer solchen Krisensituation aus der Stresssituation herauszukommen. Wir müssen zur Ruhe kommen. Denn aus Stress kann Panik entstehen. Das Beste, was man in einer solchen Situation machen kann ist also den Kopf freizubekommen. Ich weiß, dass dies insbesondere in Stresssituationen extrem schwierig ist und gleichzeitig ist es die einzige Möglichkeit bei klarem Verstand zu bleiben, den wir benötigen, um über wirksame Lösungen nachzudenken.

Mir hilft in diesen Zeiten Meditation, um meine Gedanken zu lenken, aber auch ein Spaziergang kann hilfreich sein.

Think

Welche Optionen hat man in der kritischen Situation? Wie könnte eine Lösung aussehen und vor allem welche Ursache führt am meisten zu meiner konkreten Krise?

Der erste Gedanke ist natürlich, die Symptome zu bekämpfen. Wir wollen möglichst schnell aus der Stresssituation entfliehen. Das Symptom zu bekämpfen ist jedoch nicht das, was uns aus der Krise hilft. Stattdessen müssen die Ursachen bekämpft werden. Also lohnt es sich, über die Ursachen nachzudenken, insbesondere diejenigen, die man selbst beeinflussen kann.

Mir hilft es in einer solchen Situation, die Ursachen niederzuschreiben, um dann zu bewerten, welche Themen ich zuerst angehen muss. Hier ein konkretes Beispiel:

Die Pandemie Krise wirkt sich auf folgende Weise auf mich aus:

Mein Coaching Business baute im Wesentlichen auf persönliche Kontakte auf. Nachdem diese Möglichkeit nun stark eingeschränkt ist, habe ich mich dazu entschieden, neue Wege auszuprobieren. Meine Ursache für meine akute Krise war das fehlende digitale Geschäftsmodell. Dabei kam ich zu folgenden Aktionen:

  1. Meinen Klienten das Angebot machen, dass wir Video Coaching ausprobieren und ich auf die Bezahlung verzichte, wenn der Klient das Gefühl hat, dass dies nicht zum Erfolg führt.
  2. Eine Online-Coaching-Plattform suchen, über die ich mein Business effizient durchführen kann und die meinen Klienten einen Mehrwert bietet.
  3. Konkrete Programme entwickeln, die einen klaren Nutzen in der Krise bieten und die angesichts der aktuellen Situation bezahlbar sind.

Act

Der letzte Schritt ist dann ins Handeln zu kommen. Die Umsetzung muss in der Krise zügig erfolgen, denn es bleibt keine Zeit, um lange zu planen. Wichtig ist in einer solchen Situation fokussiert an der Beseitigung der Ursachen zu arbeiten, klar zu priorisieren und schnell in die Umsetzung zu gehen. Darin liegt der entscheidende Hebel. Die Frage ist: „Welche Maßnahmen zur Bekämpfung der Ursachen mindern die Auswirkungen (Symptome) am effektivsten?“ – Alles andere hat in diesem Augenblick keine Priorität!

Ich stellte alle Themen zurück, die nicht dem Zweck dienten, mein Online Coaching auszubauen und fokussierte mich eine Woche lang nur auf das eine Ziel. Damit konnte ich einen Teil meiner Klienten halten.

Ich kann es an dieser Stelle mit dem Tauchen erklären. Wer in kritischen Situationen zu viel Zeit mit Planung hin zum perfekten Ergebnis verbringt, dem geht irgendwann die Luft aus.

Was kommt nach der Krise?

Für den Fall, dass eine Krise überstanden ist, wird gerne zum Alltag zurückgekehrt. Man verfällt wieder in alte Denkmuster und Handlungsweisen und ist einfach nur froh, die Krise überstanden zu haben. Hier beginnt jedoch die wichtigste Phase. Wir Taucher nennen es Debriefing – Wir reflektieren über das, was uns widerfahren ist und versuchen daraus zu lernen. In Ruhe überlegen wir nun, was wir aus der Herausforderung für die Zukunft mitnehmen können und ergreifen Maßnahmen, um in ähnlichen Situationen besser vorbereitet zu sein. Dazu gehört auch weiter an den Ursachen zu arbeiten, denn nun bleibt Zeit um das, was in der Krise angestoßen wurde, sauber und nachhaltig auszubauen.

Die Rolle des Buddies in der Krisensituation

Eine Regel unter uns Tauchern ist es, niemals alleine ins Wasser zu gehen. Man braucht einen Buddy, auf den man sich verlassen kann und der in einer kritischen Situation Unterstützung leisten kann.  Idealerweise sind das Taucher, die einem auch in Krisensituationen wirklich unterstützen können und nicht selbst in Panik verfallen. Oft sind es auch Divemaster wie ich einer bin, die eine fundierte Ausbildung in Krisenintervention haben. Erfahrung kombiniert mit einer guten Ausbildung kann in einer Krise sehr wertvoll sein. Ein Divemaster begleitet Tauchgänge und unterstützt den Taucher dabei, aufkommende Probleme unter Wasser selbst zu lösen, um an den Erfahrungen zu wachsen. Im Businessleben gibt es dafür Businesscoaches, die Unternehmern und Selbständigen dabei unterstützen, die aufkommenden Probleme selbst zu lösen und die Umsetzung begleiten. Gerade in einer Krisensituation ist ein guter Buddy mit Gold nicht aufzuwiegen.

Mein Tipp: suchen Sie sich in Ihrem Netzwerk Menschen mit Erfahrung, die Sie unterstützen können oder einen professionellen Coach, der darauf trainiert ist, Sie sicher durch die Krise zu begleiten und dafür sorgt, dass Ihnen nicht die Luft ausgeht.

In diesem Sinne: STOP – BREATHE – THINK – ACT!

Joachim Riegel

Joachim Riegel

systemischer Business Coach & Berater

Über den Autor:

Mein Name ist Joachim Riegel und ich bin systemischer Businesscoach und Berater für Menschen in Veränderungsprozessen. Ich blicke auf 30 Jahre Berufserfahrung und 20 Jahre Führungserfahrung in allen Managementebenen im Medien- und IT-Umfeld zurück. Seit Januar 2020 unterstütze ich Unternehmer, Selbständige und Führungskräfte in kleinen und mittelständischen Unternehmen bei der Bewältigung von Veränderungen in Zeiten von VUKA (Volatilität, Unsicherheit, Komplexität, Ambiguität) und Digitalisierung.

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

3 × vier =

Share This